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Anwaltspraxis Magazin

Legal Context Engineering: Warum Anwälte künftig nicht nur Anwender, sondern Gestalter von KI sein müssen

Künstliche Intelligenz verändert den Rechtsmarkt schneller als viele Kanzleien reagieren. Während erste Tools bereits im Alltag angekommen sind, bleibt ihr strategisches Potenzial oft ungenutzt. Warum reines Anwenden nicht mehr ausreicht und weshalb juristische Expertise künftig aktiv in KI-Systeme

Künstliche Intelligenz verändert den Rechtsmarkt schneller, als viele Kanzleien reagieren. Während erste Tools bereits im Alltag angekommen sind, bleibt ihr strategisches Potenzial oft ungenutzt. Warum Kanzleien jetzt den Schritt vom Anwender zum Gestalter gehen müssen und welche Rolle juristisches Kontextwissen dabei spielt, erklärt Dr. Nadine Lilienthal, Rechtsanwältin & Gründerin legaleap.law sowie Head of Legal Expertise & Alliances DACH DiliTrust, im Interview.

 

KI ist aktuell in aller Munde – sind Kanzleien vorbereitet oder laufen viele hinterher?

Viele Kanzleien haben den Einstieg geschafft, aber häufig auf einer sehr operativen Ebene. KI wird über einzelne Prompts genutzt, aber häufig noch nicht systematisch für spezifische Fälle trainiert. Die große Frage ist, wie sich KI in den nächsten zwei bis drei Jahren auf die Geschäftsmodelle von Kanzleien auswirken wird und wie sich unsere Arbeit dadurch verändern wird.

 

Wird KI im Rechtsmarkt eher überschätzt oder unterschätzt?

KI ist immer noch häufig ein Marketing-Tool: Besonders bei Großkanzleien ist die Diskrepanz zwischen der Verkündung von Partnerschaften mit Legal-AI-Anbietern und dem Umfang der täglichen Arbeit mit KI oft noch erstaunlich hoch. Vor allem die Geschwindigkeit, mit der sich die Fähigkeiten von KI verändern und verbessern und die Tatsache, dass nahezu alle juristischen Aufgaben durch KI betroffen sein können, wird im Rechtsmarkt oft noch verdrängt oder nicht gesehen.

 

Warum reicht der bloße Einsatz von Legal-Tech- oder KI-Tools langfristig nicht aus?

Ohne strukturiertes juristisches Kontextwissen bleiben KI-Ergebnisse generisch und damit austauschbar. Der eigentliche Unterschied entsteht dort, wo die eigene Arbeitsweise systematisch in die Anwendung überführt wird (Legal Context Engineering). Bei der Anhäufung von diesem Wissen an KI sollten Anwälte und Anwältinnen unbedingt eine Rolle spielen, dieses Feld dürfen wir nicht den Anbietern generischer KI überlassen, die bereits heute KI immer mehr auf juristische Anwendungen trimmen.

 

Welche Risiken entstehen, wenn Kanzleien sich nur als „Anwender“ verstehen?

Wenn Kanzleien sich nur als Anwender von KI verstehen, verschiebt sich die Wertschöpfung von Rechtsanwälten und Rechtsanwältinnen nach außen. Kanzleien laufen Gefahr, ihre eigene Expertise nicht mehr als Wettbewerbsvorteil einzusetzen, sondern nur noch fremde Systeme zu bedienen. Gleichzeitig bleibt das eigene ungeschriebene Erfahrungswissen ungenutzt, obwohl genau darin der größte Hebel liegt.

 

Was ist ein realistischer erster Schritt für Kanzleien?

Am besten ist es, klein anzufangen und sich wirklich relevante Use Cases auszusuchen: Eine immer wiederkehrende Rechtsfrage, ein bestimmter Vertragstyp oder ein wiederkehrender Workflow. Wer beginnt seine juristischen Tätigkeiten bewusst zu strukturieren, merkt schnell, wie viel implizites Wissen darin steckt. KI kann dieses Wissen skalieren!

 

Was wird sich im juristischen Arbeitsalltag zuerst spürbar verändern?

Die „erste Ebene“ der Arbeit hat sich bereits geändert: KI wird zur Erstrecherche, zur Analyse von Gesetzestexten oder für den Entwurf erster Klauseln verwendet. Das ist ein Anfang, aber viel zu wenig, um in den nächsten Jahren noch gut im Markt zu bestehen. Bei der nächsten Ebene der Arbeit geht es um die Veränderungen, die KI tief im Berufsbild und dem Selbstverständnis des Juristen an sich hinterlässt. Hier ist extrem viel im Fluss, gerade sind wir in einem Zeitfenster, wo sich vieles ändert, das wir in unserem Beruf jahrzehntelang als selbstverständlich angesehen haben. Das kann beängstigend sein, aber bietet zugleich sehr interessanten Chancen für alle, die KI intelligent nutzen und Veränderungen proaktiv angehen.

 

Vielen Dank, Dr. Nadine Lilienthal. Unser Fazit: Wer KI jetzt nicht aktiv mit juristischem Kontextwissen gestaltet, riskiert, den Anschluss im Rechtsmarkt zu verlieren. Vertiefende Einblicke bietet das Webinar „Legal Context Engineering: Warum Anwälte künftig nicht nur Anwender, sondern Gestalter von KI sein müssen“ am 08.05.2026.

Das Interview führte Julia Schmidt