
Künstliche Intelligenz kann Schriftsätze entwerfen, Akten auswerten und umfangreiche Dokumente in kurzer Zeit analysieren. Doch je leistungsfähiger die Systeme werden, desto wichtiger wird die Frage, wie sich ihre Ergebnisse verlässlich einordnen lassen. Rechtsanwalt Michael Friedmann, Gründer von PRIME LEGAL AI, spricht im Interview mit Julia Schmidt über juristische Fachinhalte, nachvollziehbare Fundstellen und weshalb die Verantwortung trotz KI weiterhin beim Anwalt liegt.
Herr Friedmann, können Sie einen typischen Anwendungsfall schildern? Wie verändert KI den Alltag von Kanzleien?
Michael Friedmann: Die Veränderungen beginnen oft im Kleinen: Kolleginnen und Kollegen lassen sich zum Beispiel bei einzelnen Arbeitsschritten in der Akte durch PRIME LEGAL AI unterstützen.
Ein typischer Fall ist: Eine Klage wird mit Anlagen, der Stellungnahme des Mandanten und weiteren Unterlagen hochgeladen. Daraus fertigt PRIME LEGAL AI einen Entwurf für eine Klageerwiderung, mit dem man weiterarbeiten kann. In der Regel bedeutet das eine Zeitersparnis von mindestens 60 Prozent, oft sogar mehr. Daneben gibt es Kanzleien, die das strategisch angehen und unsere KI in nahezu jeden Schritt ihrer Kanzleiarbeit einbinden – etwa dort, wo Schnittstellen zu Kanzleisoftware bestehen. Dann werden Schriftsätze an Gericht, Gegenseite oder Mandanten im Entwurf mit KI vorbereitet. In einem sehr konsequenten Einzelfall hat eine Kanzlei ihren Output dadurch deutlich gesteigert. Besonders spannend ist für mich, dass Kanzleien mit Technologie skalieren können, ohne zwingend mehr Personal einstellen zu müssen. Gerade angesichts des Fachkräftemangels in der Anwaltschaft ist das ein wichtiger Punkt.
Werden wir konkret: An welcher Stelle im Mandat kann KI überhaupt sinnvoll helfen? Beginnt das erst beim Schriftsatz oder schon früher, wenn die ersten Unterlagen des Mandanten eingehen?
Friedmann: Sobald Dokumente oder ein Sachverhalt vorhanden sind, den ich als Kontext mitgeben kann. Dann läuft unsere Aktenintelligenz über diese Dokumente – das können fünf Dokumente sein, aber auch 500. Die Inhalte werden über unsere juristische semantische Suche erschlossen und metadatiert. Für typische Kanzleitätigkeiten sind bereits zahlreiche vordefinierte Arbeitsabläufe hinterlegt, etwa im Arbeitsrecht, Familienrecht oder Mietrecht. Hinzu kommt die Unterstützung durch Inhalte des Deutschen Anwaltverlags, der Juristischen Fachseminare, des ZAP Verlags und des Deutschen Notarverlags. Gerade in praxisrelevanten Rechtsgebieten geben diese Praktikerinhalte neben Primärcontent wie Gesetzen, Urteilen und Entscheidungen den Ergebnissen zusätzliche juristische Tiefe.
Müssen Anwältinnen und Anwälte dafür künftig lernen, gute Prompts schreiben zu können oder funktioniert das auch ohne technisches Vorwissen?
Friedmann: Bei uns müssen sie sehr wenig prompten. Aufgrund der Eingabe des Nutzers läuft eine Suche über unsere Prompt- und Agent-Bibliothek, und dann werden automatisch die passenden Routinen aufgerufen. Wenn ich zum Beispiel sage: „Stell mir die Argumente des bisherigen Klageverfahrens gegenüber“, erkennt PRIME LEGAL AI, dass eigentlich eine Streitstandübersicht benötigt wird. Dafür ist ein Agent hinterlegt, der dann eine solche Übersicht erstellt – etwa in Form eines T-Blatts, wie man es aus der Ausbildung kennt.
Das muss ich dem System also nicht erst beibringen. Ich muss nur sagen, was ich haben möchte. Das ist ein großer Unterschied zu herkömmlichen Chatbots oder anderen Legal-AI-Workspaces, bei denen man häufig sehr viel Energie ins Prompting stecken muss. Ein anderes Beispiel ist die Prüfung einer Betriebskostenabrechnung. In PRIME LEGAL AI reicht dazu im Grunde ein Satz. Im Hintergrund werden dann Prüfungsschemata, Vorgänge und Handlungsanweisungen aufgerufen. Ich lade die Abrechnung, Belege, die Vorjahresabrechnung und den Mietvertrag hoch und bekomme am Ende auf Wunsch sogar ein Widerspruchsschreiben, das ich als Anwalt weiterverwenden kann.
Gerade im juristischen Bereich können falsche oder erfundene Fundstellen gravierende Folgen haben. Besteht nicht die Gefahr, dass Fehler übersehen werden, weil KI so überzeugend formuliert?
Friedmann: Halluzinationen begegnen wir vor allem dadurch, dass am Anfang des Arbeitsprozesses relevante Textdokumente über unsere juristische semantische Suche ausgewählt werden – aus der Akte, aus Primärcontent oder aus den Inhalten unserer Content-Partner, etwa den Handbüchern des Anwaltverlags. Diese Informationen geben wir dem Sprachmodell mit. Entscheidend ist also nicht nur, dass die KI gut formuliert, sondern dass sie vorher die richtigen Aktenbestandteile, Urteile oder Verlagstexte findet. Wenn Nutzer allerdings keinen Kontext auswählen, keine Bibliotheken oder keine Akte verknüpfen, ist es eher wie bei einem allgemeinen Sprachmodell. Dann kann es natürlich passieren, dass das Modell auf Trainingswissen zurückgreift. Bei richtiger Anwendung ist das Risiko aber sehr stark reduziert.
Selbst wenn die KI mit Akte, Rechtsprechung und Fachliteratur arbeitet, bleibt die anwaltliche Prüfungspflicht bestehen. Wie können Anwältinnen und Anwälte praktisch nachvollziehen, woher eine Aussage stammt?
Friedmann: Überprüfen sollte man die Ergebnisse immer. Fundstellen lassen sich bei PRIME LEGAL AI in der Regel direkt nachvollziehen. Sie sind im Text eingebunden, sodass man unmittelbar zur betreffenden Textstelle in der Akte, im jeweiligen Werk oder im Urteil springen kann. Dort kann ich prüfen: Ist das richtig angewandt worden? Ist der Sinn korrekt wiedergegeben? Diese Nachvollziehbarkeit gibt gerade am Anfang Sicherheit. Am Ende gilt aber: Unter einem Schriftsatz steht nicht „Ihre nette KI von nebenan“, sondern der Name der Anwältin oder des Anwalts. Damit mache ich mir den Inhalt zu eigen und muss dafür geradestehen. Das ist vergleichbar mit der Arbeit eines Referendars oder einer Referendarin: Auch dort prüfe ich das Ergebnis, bevor ich es verwende.
Juristische Antworten sind nur so gut wie der Stand der zugrunde liegenden Informationen. Wie stellen Sie sicher, dass Gesetze, Rechtsprechung und Fachinhalte aktuell genug sind?
Friedmann: Wir arbeiten mit Aktualisierungsskripten. Diese laufen nicht täglich, weil das eine enorme Last wäre, aber es gibt regelmäßige Updates, bei denen Gesetze aktualisiert und neue Rechtsprechung hinzugefügt werden. Auch mit unseren Content-Partnern gibt es Aktualisierungsprozesse, damit die Inhalte möglichst aktuell bleiben.
Was passiert, wenn die KI zu einer Frage keine belastbare Antwort findet?
Friedmann: Wenn keine ausreichende Grundlage vorhanden ist, sagt PRIME LEGAL AI auch, dass eine Frage nicht beantwortet werden kann. Das finde ich wichtig. Viele Chatbots sind darauf trainiert, Nutzer nicht zu enttäuschen, und formulieren lieber irgendetwas, statt klar zu sagen: „Dazu habe ich keine belastbare Grundlage.“ Wenn bei uns kein Kontext gefunden wird, wird das entsprechend mit dem Hinweis, Kontext hochzuladen oder die Frage anders zu stellen, zurückgemeldet. Das ist für mich ein gutes Zeichen: Die KI weiß eben nicht alles.
Ist KI für Sie inzwischen ein normales Arbeitsmittel in Ihrer anwaltlichen Arbeit geworden?
Michael Friedmann: Ja, mittlerweile schon. Das war auch für mich ein Prozess. Ich bin nicht mit KI, Internet oder Computern sozialisiert worden. Obwohl ich an PRIME LEGAL AI mitarbeite, musste ich mich selbst daran gewöhnen, die KI wirklich konsequent zu nutzen. Irgendwann ist es dann verinnerlicht. Dann wird sie tatsächlich zu einem Mitarbeiter oder Sparringspartner, mit dem ich Dinge diskutieren kann oder dem ich eigene Entwürfe gebe, damit sie geglättet oder auf Widersprüche geprüft werden.
Wichtig ist aber: Man darf der KI nicht blind vertrauen. Wir dürfen als Menschen das Nachdenken nicht verlernen. KI soll uns Zeit zurückgeben, damit wir uns stärker um Strategie, Mandantenkommunikation und die wirklich wichtigen Dinge der Mandatsarbeit kümmern können. Schreiben kann die KI oft schneller und besser. Aber Strategie, Bewertung und das Zwischenmenschliche bleiben höchstpersönlich.
Wie hat sich KI in Ihrem Team integriert? Ist sie inzwischen so etwas wie ein „vollwertiges Teammitglied“?
Friedmann: In meiner Kanzlei ging das relativ schnell. Dort arbeiten viele junge Menschen, die die KI sehr schnell angenommen haben. Am Ende ist es oft eine Kopfsache: Will ich mit KI arbeiten oder nicht? Gleichzeitig kenne ich auch viele ältere Kolleginnen und Kollegen, die mittlerweile täglich damit arbeiten und sagen, dass es eines der wichtigsten Werkzeuge in ihrer Kanzlei geworden ist.
Gibt es anwaltliche Aufgaben oder Entscheidungen, bei denen KI aus Ihrer Sicht nur eingeschränkt eingesetzt werden sollte?
Friedmann: Ich nutze KI grundsätzlich für sehr viele Dinge, bleibe ihr gegenüber aber immer kritisch. Mein Anspruch ist nicht, dass ein Ergebnis ungeprüft sofort rausgeht. Mein Anspruch ist, dass mir Arbeit abgenommen wird. Danach muss ich mein Gehirn einschalten und prüfen: Ist das plausibel? Stimmt das? Technik kann Fehler machen. Deshalb sollte man KI immer als Hilfe verstehen, nicht als Instanz, der man unbesehen glaubt. KI kann vorbereiten, strukturieren und Formulierungen liefern. Die Entscheidung, welche Linie im Mandat verfolgt wird, bleibt beim Menschen.
Was waren Ihre größten Aha-Momente, als Sie PRIME LEGAL AI aufgebaut haben und die KI selbst genutzt haben?
Friedmann: Der größte Aha-Moment war, als wir erstmals ein GPT-Modell mit unserer juristischen semantischen Suche verbunden haben. Plötzlich war das sprachliche Element da. Wir stellten eine komplizierte juristische Frage und die Antwort las sich, als hätte sie ein Anwalt geschrieben. Gleichzeitig wurde klar: Ein Sprachmodell allein hat kein juristisches Verständnis. Entscheidend ist, dass vorher die richtigen juristischen Informationen ausgewählt werden – aus Akte, Rechtsprechung oder Fachliteratur.
Kommen wir ins Jetzt: Was überrascht Sie an der aktuellen Entwicklung am meisten?
Friedmann: Mich überrascht weniger, was möglich ist, sondern eher die Geschwindigkeit, mit der die Entwicklung voranschreitet. Wir arbeiten in der Produktentwicklung mit vielen Kolleginnen und Kollegen daran, neue Funktionen umzusetzen. Das geht Schlag auf Schlag. Ich glaube, wir Menschen müssen lernen, mit dieser Geschwindigkeit umzugehen.
Was ist Ihre Vision: Wie müsste KI in Kanzleien eingebunden sein, damit sie nicht als zusätzliches Tool, sondern als Teil des normalen Workflows wahrgenommen wird?
Friedmann: Mein Ziel ist, dass KI dort stattfindet, wo Anwältinnen und Anwälte ohnehin arbeiten. Nicht mit fünf Logins, drei Fenstern und Copy-and-paste, sondern möglichst nahtlos in der Kanzleisoftware. Wenn dort ein Dokument eingeht, sollte das System automatisch sinnvolle nächste Schritte vorschlagen können. Ich möchte die Menschen nicht zwingen, ihre Arbeitsweise komplett zu verändern. Die technische Veränderung soll möglichst nahtlos in der gewohnten Arbeitsumgebung stattfinden.
Auch Spracheingabe ist ein wichtiger Punkt. Viele Anwältinnen und Anwälte sind es gewohnt zu diktieren. Wenn sie ihre Anweisungen an die KI ebenfalls sprechen können, statt sie einzutippen, fügt sich die Nutzung noch stärker in die gewohnte Arbeitsweise ein. Genau dieses Feature gibt es seit dem letzten Update bei PRIME LEGAL AI.
Wenn KI dort unterstützt, wo Kanzleien ohnehin arbeiten: Könnte das auch die Zusammenarbeit mit Mandantinnen und Mandanten verändern?
Friedmann: Ja, wenn KI nahtlos in die gewohnte Arbeitsumgebung integriert ist, kann sie nicht nur intern Arbeitsschritte vorbereiten, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen Kanzlei und Mandant verbessern. Informationen können strukturierter verarbeitet werden, Rückfragen lassen sich gezielter vorbereiten, Verfahrensstände verständlicher aufbereiten und nächste Schritte klarer kommunizieren.
KI wird häufig aus Anwaltsperspektive diskutiert. Welche Rolle spielen Rechtsanwaltsfachangestellte und andere Kanzleimitarbeitende bei dieser Entwicklung?
Friedmann: In Gesprächen mit Kanzleien sehen wir sehr deutlich, dass nicht nur Anwältinnen und Anwälte unter hoher Arbeitslast stehen. Auch Rechtsanwaltsfachangestellte ächzen unter dem Pensum und sagen: Schön, wenn die Anwältinnen und Anwälte Unterstützung bekommen, aber wir brauchen ebenfalls Werkzeuge, die uns entlasten. Deshalb ist das für mich ein wichtiger nächster Schritt. KI-Unterstützung sollte nicht nur bei anwaltlichen Schriftsätzen ansetzen, sondern auch dort, wo im Kanzleialltag viele organisatorische, vorbereitende und wiederkehrende Aufgaben entstehen.
Was raten Sie Kanzleien, die mit KI starten möchten, aber noch nicht wissen, welcher erste Anwendungsfall sinnvoll ist?
Friedmann: Der größte Stolperstein ist, Menschen überzeugen zu wollen, die keine KI nutzen möchten. Ich würde mit den Kolleginnen und Kollegen anfangen, die Lust darauf haben. Sonst verliert man sich in endlosen Grundsatzdebatten. Mein Rat ist: ausprobieren, testen, sich begleiten lassen und mit einer Aufgabe beginnen, die einen besonders nervt oder die man lange vor sich herschiebt. Häufig merkt man dann sehr schnell: Jetzt bin ich schon fünf Schritte weiter als vorher.
Was sagen Sie Skeptikern, die einwenden: Wenn ich die Ergebnisse ohnehin überprüfen muss, was habe ich dann davon?
Friedmann: Natürlich muss man Ergebnisse überprüfen. Aber der Zeitgewinn entsteht trotzdem. Wenn ein Anwalt für eine Klageerwiderung sonst vier Stunden braucht und mit KI inklusive Prüfung nur eine halbe Stunde, ist der Unterschied erheblich. Ich versuche allerdings selten, Menschen zu überzeugen, die nicht mit KI arbeiten möchten. Wer die Vorteile nicht sieht, arbeitet zunächst weiter wie bisher. Der Druck wird aber vermutlich auch von Mandanten kommen, wenn diese erwarten, dass umfangreiche Unterlagen effizienter ausgewertet werden. Dann stellt sich schnell die Frage, warum 2.000 Seiten Anlagen manuell gelesen werden sollen, wenn eine KI zumindest eine erste Auswertung übernehmen kann.
Wird sich die Erwartungshaltung der Mandanten also verändern, sodass Kanzleien, die sich jetzt nicht mit KI beschäftigen, irgendwann abgehängt werden?
Friedmann: Es gibt diesen Satz: Die KI ersetzt keine Anwälte, sondern Anwälte ohne KI. Das ist zugespitzt formuliert, aber im Kern ist etwas dran. Wenn jemand mit KI deutlich produktiver arbeiten kann, wird die Arbeitsweise ohne KI auf Dauer unter Druck geraten.
Geht es beim Einsatz von KI nur um Zeitersparnis oder auch um bessere juristische Qualität?
Friedmann: Neben Zeit geht es auch um Qualität. Niemand kennt alle Werke des Anwaltverlags auswendig. Vielleicht arbeitet man mit einem oder zwei Werken, aber man weiß nicht immer, welche weiteren Urteile oder Bücher relevant sein könnten. Diese inhaltliche Tiefe ist ohne KI schwer zu erreichen. Hinzu kommen wirtschaftliche Potenziale. Aufgaben, die früher kaum lukrativ waren, können plötzlich wirtschaftlich sinnvoll werden – etwa, wenn eine Betriebskostenabrechnung nicht mehr zwei Stunden, sondern nur noch wenige Minuten in Anspruch nimmt. Gerade im RVG-Bereich kann das unmittelbar auf die Wirtschaftlichkeit einzahlen.
Was begeistert Sie persönlich am meisten an der KI-Entwicklung?
Friedmann: Mich begeistert vor allem, dass Anwältinnen und Anwälte erstmals aus eigener Kraft ohne zusätzliches Personal skalieren können. Die Arbeit wird nicht weniger, und viele Kanzleien stehen vor der Herausforderung, wie sie das Pensum bewältigen sollen. Gerade in Zeiten des demografischen Wandels kommt diese technologische Unterstützung zur richtigen Zeit.
Vielen Dank, Michael Friedmann. Für Kanzleien bleibt damit die entscheidende Frage nicht, ob KI Arbeit abnehmen kann, sondern wie sie so eingesetzt wird, dass Anwältinnen und Anwälte Zeit gewinnen, ohne Kontrolle und Verantwortung aus der Hand zu geben.
Das Interview führte Julia Schmidt